Haus Friedwart

Im Gedenken an die Wetzlarer Ehrenbürger Ernst Leitz I (1843-1920), Ernst Leitz II (1871-1956) und Elsie Kühn-Leitz (1903-1985) wurde Ende 2011 die gemeinnützige „Ernst Leitz Stiftung“ errichtet und vom Regierungspräsidium in Gießen anerkannt.

Haus Friedwart

Haus Friedwart

Aussenansicht

Aussenansicht hinten

Haus Friedwart, in einem großen Gartengrundstück am Kalsmunthang gelegen, wurde zwischen 1914 und 1917 für Ernst Leitz II (1871-1956), den Wegbereiter der Leica, gebaut. Die Pläne für den Rohbau des späteren Wohnhauses von drei Generationen Leitz stammen von dem Wetzlarer Architekten Jean Schmidt (1877-1959), der für die Firma Leitz verschiedene Fabrikgebäude errichtete, so die Hochhäuser in der Ernst-Leitz-Straße, die noch heute das Stadtbild von Wetzlar prägen. Nach Erteilung der Baugenehmigung im Juni 1914 wurden die Arbeiten begonnen und trotz Beginn des Ersten Weltkriegs in Erwartung eines baldigen Endes fortgesetzt.

Ernst Leitz II

Mit dem Innenausbau von Haus Friedwart und seiner Einrichtung wurde der Architekt und Designer Bruno Paul (1874-1968) beauftragt. Als Erbauer eleganter Villen und Gestalter anspruchsvoller Wohnmöbel war er bekannt geworden. Seine Arbeiten verkörpern den Übergang vom steifen Neoklassizismus zu einer bewegten Formensprache, die Elemente des floralen Jugendstils als auch Anregungen aus der Kunst Ostasiens mit einbezieht. Die von Paul geschaffenen Innenräume von Haus Friedwart und das gesamte von ihm entworfene Mobiliar einschließlich der Heizkörperverkleidungen und Lampen sind lückenlos erhalten und als Ensemble einmalig in Deutschland. Das Haus hat im Laufe der Jahrzehnte eine besondere Bedeutung für die Stadt-, Kultur- und Wirtschaftsgeschichte Wetzlars erlangt. Ernst Leitz II lebte hier mit seiner Familie, als er 1924 in einem für Deutschland wirtschaftlich besonders schweren Jahr die Serienfertigung der Leica entschied, die für die Leitz-Werke und die Stadt Wetzlar von größter Bedeutung werden sollte.

Treppenaufgang

Heizungsgitter

Halle

Haus Friedwart wurde schon bald eine Begegnungsstätte der weltweiten Leica-Gemeinde. Henri Cartier-Bresson, Alfred Eisenstaedt und viele andere be­- rühm­te Leica Fotografen waren hier zu Gast. Das Haus stand auch in Beziehung zu einer Reihe wichtiger Persönlichkeiten des kulturellen und politischen Lebens, so zu Albert Schweitzer, Konrad Adenauer und Theodor Heuss, mit dem Ernst Leitz befreundet war. Zahlreiche Erinnerungsstücke dokumentieren die denkwürdigen Besuche. Hinzu kommen viele bedeutende Künstler der Nachkriegszeit wie Walter Gieseking oder Wilhelm Backhaus.

Speisezimmer

Musikzimmer

Über Jahrzehnte war dieses Haus auch Mittelpunkt der deutsch-französischen Aktivitäten der Wetzlarer Ehrenbürgerin Elsie Kühn-Leitz. Hier wurde die Städtepartnerschaft Wetzlar-Avignon vorbereitet. Die repräsentativen Räume von Haus Friedwart werden heute noch für Vorträge und Konzerte genutzt. Sie stehen zu verschiedenen Terminen der Öffentlichkeit zur Besichtigung offen.

Wohnzimmer

Brunnen

Garderobe

Bruno Paul

Als ab 1897 ein Kreis aufgeschlossener Maler und Architekten bei Ausstellungen in München und Dresden eine Stilwende des Kunsthandwerks einleitete, gehörte Bruno Paul zu ihren glänzendsten Vertretern. In der Folge beteiligte sich der 1874 in Seifhennersdorf/Sachsen geborene Künstler an allen bedeutenden Ausstellungen der Jahrhundertwende in Europa und Amerika. Die Entwicklung des floralen Jugendstils zur geometrischen Abstraktion wurde wesentlich von dem jungen Absolventen der Kunstgewerbeschule in Dresden und der Münchner Akademie beeinflußt.

Zum Möbelentwurf führte ihn wie viele Zeitgenossen die Buchillustration. Dynamische Linienführung als Ausdruck jener Kräfte des Tragens und Lastens innerhalb einer Konstruktion beschieden dieser Ausprägung des Jugendstils eine bis heute beliebte Note. Doch vermißte Paul dabei die Klarheit der Gesamtform in Aufbau und Proportion eines Möbels, die er bei den eigenen Werken in enger Zusammenarbeit mit dem Handwerk auf eine von Geometrie und Funktion bestimmte Sachlichkeit reduzierte, von der die Moderne geprägt wurde.

Pruno Paul

Da  Bruno Paul die Verbindung von Kunst und Technik als das Anliegen eines modernen Künstlers ansah, arbeitete er ab 1898 für die »Vereinigten Werkstätten für Kunst im Handwerk« in München. Noch vor dem Ersten Weltkrieg wandte er sich außerdem den »Deutschen Werkstätten« Karl Schmidts in Hellerau zu. 1907 gehörten beide zu den Gründern des Deutschen Werkbunds.

Ab 1906 gelang es Paul sich binnen weniger Jahre zum begehrten Architekten von Deutschlands Elite zu entwickeln, deren Villen und Geschäftshäuser zu stilbildenden Gesamtkunstwerken auf höchstem Niveau wurden. Noble Eleganz verband er mit bequemer Wohnlichkeit, funktionale Nutzung mit feiner Ästhetik in allen Details wie Türklinken und Parkettfußböden. Haus Friedwart in Wetzlar gehört zu den großen Privataufträgen, deren Innenausstattung Paul zum Teil in Dresden und einer eigens vor Ort gegründeten Werkstatt ausführen ließ. Heute ist sie die einzige, bis ins letzte Detail originalgetreu erhaltene Villa des Künstlers in ganz Deutschland und steht unter Denkmalschutz.

Nach seiner Berufung 1907 zum Direktor der Unterrichtsanstalt am Berliner Kunstgewerbemuseum bewies sich Paul über Jahrzehnte als ein bedeutender Lehrer und Organisator. Doch wegen seiner liberalen Geisteshaltung wurde er von den Nazis als »politisch unzuverlässig« eingestuft und 1933 aller seiner offiziellen Ämter enthoben. Nach dem Krieg widmete er sich überwiegend dem Ingenieurbau und lehnte 1948 eine Berufung als Präsident der Deutschen Akademie der Künste in Ost-Berlin ab. Als Zeichen der Rehabilitation verlieh ihm 1954 Theodor Heuss anläßlich seines achtzigsten Geburtstags das Bundesverdienstkreuz und ein Jahr später wurde er wieder ordentliches Mitglied der Akademie der Künste in West-Berlin. Noch im hohen Alter nahm Bruno Paul regen Anteil am kulturellen Schaffen und war ein kritischer, sarkastischer und dennoch toleranter Zeitgenosse.

Er starb 1968 im Alter von 94 Jahren in Berlin.