Ernst Leitz II (1871-1956)

Der Wegbereiter der Leica. Er war nicht nur ein vorbildlicher Unternehmer mit Herz und Vision, er war auch ein Mann mit beispielhaftem sozialen Engagement. Schließlich bewies er erhebliche Zivilcourage, als er in der finsteren Zeit der Nazi-Diktatur vielen Verfolgten zur Flucht aus Deutschland verhalf.

Interview zur Geschichte der Fotografie - Ernst Leitz II: "Ich entscheide hiermit: Es wird riskiert."

„Ich entscheide hiermit: Es wird riskiert.“ Mit diesem Satz beendete Ernst Leitz II im Juni 1924 eine lange Debatte mit seinen engsten Mitarbeitern über die Markteinführung der von Oskar Barnack entwickelten Kleinbildkamera. Seine Entscheidung sollte die Fotografie revolutionieren. Jetzt beleuchtet ein neues Buch die Hintergründe. Ralf Christofori hat mit dem Herausgeber Knut Kühn-Leitz, ehemaliger Geschäftsführer der Ernst Leitz GmbH, gesprochen.

Wir treffen Knut Kühn-Leitz in seinem Büro. Das neue Buch über seinen Großvater Ernst Leitz II liegt auf dem Tisch, daneben zahlreiche Quellentexte und Dokumente, die der Herausgeber gemeinsam mit sieben weiteren Autoren zusammengetragen und durchgearbeitet hat.

Herr Kühn-Leitz, was hat Sie veranlasst, zur 90-jährigen Wiederkehr dieser bahnbrechenden Entscheidung eine neue Biografie über Ernst Leitz II herauszugeben?

In der umfangreichen Literatur zur Leica fehlt bisher ein detaillierter Blick auf die großen wirtschaftlichen Risiken, denen sich Ernst Leitz II 1924 mit dem Einstieg in einen neuen Markt auf dem Gebiet der Fotografie ausgesetzt sah. Diese Lücke wird mit der aktuellen Biografie geschlossen. Illustriert mit ausgezeichnetem Bildmaterial beschreiben Fachautoren, wie die Leica immer neue Felder für die Kleinbildfotografie eroberte und zu einer Ikone der Fotografie im 20. Jahrhundert wurde. Ernst Leitz II, 1941

Was war das Besondere an der Leica?

Ernst Leitz II hat früh den Trend zu einer kleinen, leichten und handlichen Kamera erkannt, wusste aber auch, dass es mit diesem Apparat allein nicht getan war. Dem Mikroskophersteller war klar, dass eine Stehbildkamera für den perforierten Kino-Rohfilm nicht nur eine äußerst präzise Mechanik und eine hervorragende Optik haben musste. Darüber hinaus war die Entwicklung eines neuen Systems für das Aufnahmeformat von 24 × 36 Millimeter notwendig: hochwertige Geräte zur Vergrößerung eines nur briefmarkengroßen Negativs auf Fotopapier sowie Projektoren für Filmstreifen und später auch für Dias.

Warum hat es zehn Jahre gedauert, bis aus dem von Oskar Barnack im März 1914 fertiggestellten Prototyp, der sogenannten UR-Leica, eine fertigungsreife Kamera wurde?

Ernst Leitz II fotografierte mit dem ersten Modell kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs auf einer Geschäftsreise die Hochhausschluchten in New York. Er war beeindruckt, aber Vieles war noch zu verbessern. Während des Krieges und danach war Barnack mit anderen Entwicklungen so beschäftigt, dass er sich nicht mehr seiner „Liliput Kamera für Kinofilm“ widmen konnte. Erst 1920 trieb Ernst Leitz II ihre Weiterentwicklung voran und veranlasste den Mathematiker und späteren Leiter der wissenschaftlichen Abteilung, Professor Max Berek, für die Kamera ein Hochleistungsobjektiv zu rechnen. Was Barnack für die mechanische Vollendung seiner Kamera leistete, tat Berek für die Optik. Leica I, 1925

War die Leica die erste Kamera für den 35 Millimeter Kinofilm?

Nein. Schon 1908 gab es einen ersten Versuch, den als Meterware angebotenen Kino-Rohfilm preisgünstig für die Stehbildfotografie zu nutzen. Vor Erscheinen der Leica entstanden weitere zwei Dutzend Konstruktionsentwürfe, Prototypen und Verkaufsmuster. Allen diesen Kameras war kein Markterfolg beschieden. Abgesehen von zahlreichen Konstruktionsmängeln fehlte vor allem die Entwicklung eines fotografischen Systems für das sehr kleine Negativ. Das Aufnahmematerial war für Vergrößerungen auf Fotopapier zu grobkörnig. Von keinem der Konstrukteure ist daher die Entwicklung eines Vergrößerungsgerätes bekannt. Was blieb, war bei einigen Modellen die Möglichkeit, belichtete Positivfilme in kleinem Format zu projizieren.

Wie sah 1924 das wirtschaftliche Umfeld für Leitz aus, als die Entscheidung zur Einführung eines neuen fotografischen Systems anstand?

Schon früh war Leitz ein Global Player auf dem Markt für Mikroskope mit Verkaufsniederlassungen in New York, London und St. Petersburg. Ein besonders wichtiger Exportmarkt war Großbritannien mit seinem Kolonialreich. Als England 1914 in den Ersten Weltkrieg eintrat, wurde die Leitz-Niederlassung in London geschlossen. Mit Eintritt der USA in den Krieg im Jahre 1917 wurde auch die Niederlassung E. Leitz Inc. in New York enteignet. Ähnlich erging es der russischen Vertretung in St. Petersburg nach der bolschewistischen Oktoberrevolution. Sie wurde liquidiert. Als Folge des Ersten Weltkriegs ging also die eigene Absatzorganisation auf großen Exportmärkten verloren: Leitz Wetzlar hatte keinen direkten Einfluss mehr auf das Vertriebsgeschehen in den USA und Großbritannien, insbesondere auf die notwendigen Investitionen zur Markteinführung eines neuen fotografischen Systems. Das Russland-Geschäft musste zudem weitgehend abgeschrieben werden.

Viel gravierender war, dass die Entscheidung von Ernst Leitz II, einen neuen Markt für die Fotografie zu erobern, in eine Zeit fiel, in der sämtliche Geldvermögen der Deutschen durch die Hyperinflation und die anschließende Währungsreform Ende 1923 vernichtet worden waren. Es fehlte der Zielgruppe, den anspruchsvollen Amateuren, das Geld zum Erwerb einer teuren Kamera wie der Leica mit dem dazu erforderlichen Zubehör.

Mit welchen großen Unternehmen der Kameraindustrie musste Leitz konkurrieren?

Die Barrieren für den Eintritt in den Kameramarkt lagen für den Mikroskophersteller Leitz hoch: Zeiss beherrschte den europäischen und Kodak den amerikanischen Kameramarkt. Durch den Zusammenschluss von vier deutschen Kamerafirmen unter der Leitung von Carl Zeiss im Jahre 1909 entstand die Internationale Camera Actiengesellschaft (ICA) in Dresden, die 1920 bereits 2.200 Mitarbeiter beschäftigte. In den USA beherrschte Kodak mit seinen einfachen Rollfilmkameras schon früh den amerikanischen Fotohandel. Mitte der 1920er Jahre hatte Kodak weltweit über 20.000 Mitarbeiter.

Konnte die Leica mit den damals vorhandenen Filmen bereits ihre herausragende Bildqualität unter Beweis stellen?

Mit dem nur begrenzt verwendbaren Aufnahmematerial war das nicht möglich. Lassen Sie mich dazu die beiden bekannten Schrittmacher der Kleinbildfotografie Paul Wolff und Curt Emmermann zitieren. Paul Wolff schrieb: „Normaler, damals noch wenig orthochromatischer, dazu nicht lichthoffreier Kinofilm in der Leica – es war ein Kreuz. Ja, zu Postkartenbildchen langte es eben…Es fehlten alle Voraussetzungen von Seiten der Photochemie, die es ermöglicht hätten, die geforderte Vergrößerung der kleinen Originale mit Erfolg durchzuführen.“ Und Curt Emmermann berichtete: „Man darf nicht vergessen, dass wir mit der Leica nicht gleichzeitig auch die für sie besonders geeigneten Aufnahmematerialien bekamen. Wir haben zunächst mit Filmen arbeiten müssen, die mit modernen Erzeugnissen hinsichtlich Allgemein- und Farbempfindlichkeiten und der Körnung überhaupt nicht zu vergleichen sind.“

Was waren die wichtigsten Einschränkungen?

Die Filme hatten eine sehr geringe Empfindlichkeit von nur 4/10 bis 7/10 DIN. Das führte je nach Tageszeit und Bewölkung sowie dem oft notwendigen Einsatz von Filtern zu langen Belichtungszeiten. Um Bewegungsunschärfen zu vermeiden, war ein Stativ notwendig – und das war nicht im Sinne Barnacks, der die spontane Livefotografie anstrebte. Eine Steigerung der Empfindlichkeit mit neuen Emulsionen war nur mit größerem Korn und verringerter Auflösung zu erreichen. Die Filme hatten zudem eine sehr steile Gradation daher wurden feine Helligkeitsabstufungen nicht sichtbar. Die unterschiedliche Farbempfindlichkeit der verschiedenen Filme sorgten für weitere Verfälschungen: Die hohe Überempfindlichkeit für Blau und die starke Unterempfindlichkeit für Rot ließen einen blauen Himmel weiß und rote Lippen schwarz erscheinen. Zur Korrektur mussten Gelbfilter unterschiedlicher Dichte verwendet werden. Dadurch verdoppelte oder vervierfachte sich die Belichtungszeit. Außerdem hatten die Filme keinen Lichthofschutz. Es bildete sich bei jedem abgebildeten Lichtpunkt eine ringförmige Überstrahlung. Schließlich hatten die unbelichteten Filme nur eine geringe Haltbarkeit.

Inwieweit war also der Erfolg der Leica von der fotochemischen Industrie abhängig?

Der Markterfolg der Leica und damit der Kleinbildfotografie war in besonderem Maße von den Entwicklungsanstrengungen der großen Firmen der Fotochemie wie Agfa oder Kodak abhängig. Kleinere Unternehmen wie Perutz waren zwar in der Lage, verschiedene Mängel wie den „Haloeffekt“ zu beseitigen. Das größte Problem lag aber in der Entwicklung von Emulsionen, die eine deutliche Steigerung der Filmempfindlichkeit brachten, ohne das störende Korn zu vergrößern. 1924 konnte bei der Entscheidung zur Serienproduktion der Leica niemand sagen, ob und wann sich Agfa oder Kodak dieses Problems annehmen würde, da die Optimierung ihrer Kinoroh- und Rollfilme – die großen und rentablen Umsatzträger – eine hohe Priorität hatten. Man wollte verständlicherweise erst einmal abwarten, ob der Markt das Kleinbildformat akzeptieren würde. Es hat nach Einführung der Leica über sieben Jahre gedauert, bis 1932 mit dem Isochrom-Film von Agfa ein deutlich empfindlicherer und zugleich feinkörniger Schwarzweiß-Film zur Verfügung stand. Erst damit konnte die wirkliche Leistungsfähigkeit der Leica mit gestochen scharfen Vergrößerungen im Format 30 × 40 cm und größer nachgewiesen werden. In der Folgezeit wurde die Leica zum Schrittmacher immer besserer Emulsionen. Davon profitierten nicht nur Leitz und die Fotochemie, sondern auch die wachsende Zahl der Konkurrenzmodelle zur Leica.

Eine der wichtigsten Fragen war sicherlich, wie sich der Fotohandel Mitte der 1920er Jahre bezüglich der Kleinbildfotorafie entscheiden würde.

Das ist richtig. Denn was nützte Ernst Leitz II eine noch so gute Kamera mit einem komplett neuen fotografischen System, wenn dem Mikroskopbauer die für ihn bislang nicht relevante Vertriebsstrecke für Amateurfotografen fehlte und diese weltweit von zwei mächtigen Konzernen, Carl Zeiss und Eastman Kodak, beherrscht wurde. Die Umsätze des Fotohandels waren in Deutschland nach der Währungsreform 1924 auf ein bisher nicht gekanntes Tief gesunken. Das Angebot konzentrierte sich auf einfache Kameras im unteren Preissegment. Erschwerend kam hinzu, dass der Handel so gut wie kein Interesse hatte, das florierende Geschäft mit Kontaktkopien von Platten oder Rollfilmen durch eine neue Vergrößerungstechnik für Negative im Briefmarkenformat zu ersetzen. Es blieb die Hoffnung, dass genügend durch die Werbung angesprochene Amateure die Leica in Wetzlar oder bei einigen Händlern bestellen, aber dann in der eigenen Dunkelkammer die belichteten Filme entwickeln und die Negative selbst vergrößern. Wie groß die Zahl dieser Interessenten sein würde, war nicht abzuschätzen.

Was waren die Beweggründe von Ernst Leitz II, trotz dieser großen Risiken die Serienfertigung der Leica zu starten?

In der Tat rieten die engsten Mitarbeiter, verantwortlich für Fertigung, Vertrieb und Finanzen, ihrem Chef von dem Vorhaben ab. Es erschien ihnen als ein „Ritt über den Bodensee“. Ausschlaggebend waren für Ernst Leitz II soziale Gründe. Er meinte: „Hier handelt es sich um eine Möglichkeit, unseren Arbeitern mit dieser kleinen Kamera – wenn sie hält, was ich mir von ihr verspreche – in den Jahren der Depression Arbeit zu beschaffen und sie damit durch die kommende schwere Zeit zu bringen“. Die Vision von Ernst Leitz II, dass der Kleinbildfotografie die Zukunft gehört, sollte in Erfüllung gehen. Es dauerte aber Jahre bis die Leica in rentablen Stückzahlen verkauft werden konnte. Mehr und mehr Fotohändler erkannten den Trend zur Kleinbildfotografie. Die Weiterentwicklung der Kamera war rasant. Mit der wachsenden Zahl von Wechselobjektiven und dem wesentlich verbesserten Aufnahmematerial eroberte die Leica immer neue Felder der Fotografie und wurde schließlich zu einer Ikone des 20. Jahrhunderts.

Interview zur Geschichte der Fotografie auf profoto.de (Prophoto Mainzer Landstraße 55 60329 Frankfurt am Main) am 26. November 2014

 Ernst Leitz II: "Ich entscheide hiermit: Es wird riskiert."

Titel     Ernst Leitz II "Ich entscheide hiermit: Es wird riskiert." : ... und die Leica revolutionierte die Fotografie
Herausgeber     Knut Kühn-Leitz
Verleger     Königswinter : Heel
Erscheinungsjahr     2014
Umfang     279 Seiten
Format     zahlr. Ill. ; 29 cm
ISBN     978-3-86852-941-8
EAN     9783868529418

 

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Interview von profoto.de am 26.11.2014

Ernst Leitz II - Der Wegbereiter der Leica

Ernst Leitz II

Am 1. März 1871 wurde Ernst Leitz geboren. Er erlernte die Berufe des Fein­mechanikers und Kaufmanns und sammelte auf Geschäftsreisen Erfahrungen im und Ausland. 1906 wurde er Mitinhaber des Unter­nehmens. Nach dem Tod des Vaters übernahm er 1920 die alleinige Führung. Er prägte die Leitz-Werke über 50 Jahre von 1906 bis 1956 durch sein profundes Wissen, seinen Führungs­stil, seinen Wagemut und sein soziales Engagement für seine Mitarbeiter und seine Mitbürger.

Mit der Einführung des ersten auch für hohe Vergrößerungen voll einsatzfähigen Binokularmikroskops der Welt hatte sich Ernst Leitz bereits den Ruf eines Firmenlenkers mit Visionen erworben. Er sah es als seine Verpflichtung an, Medizinern und Naturwissenschaftlern ein Instrument an die Hand zu geben, das ein Mikroskopieren mit beiden Augen ohne Einschränkung ermöglichte. Dieses Ziel verfolgte er leidenschaftlich, denn das Binokular­mikroskop würde allen Mikroskopikern, die ihre Augen bis dahin am Monokular­mikroskop, insbesondere bei länger andauernden Untersuchungen, einseitig ange­strengt hatten, einen großen gesundheitlichen Vorteil bieten. Ernst Leitz schlug den Einsatz eines Prismensystems mit physikalischer Strahlenteilung vor, weil er überzeugt war, dass nur ein solches auch hohe Vergrößerungen eines Binokularmikroskops ohne jede Einschränkung ermöglichen würde. Aufgrund seiner Erfindung wurde 1913 das erste voll einsetzbare Binokularmikroskop der Welt aus dem Hause Leitz vorgestellt. Es sollte der Prototyp aller späteren Binokularmikroskope werden und trat einen unvergleichlichen Siegeszug an. Ernst Leitz veränderte schon damals die Welt der Mikroskopie ebenso grundlegend, wie er nach 1925 mit der Lei(tz)Ca(mera) die Welt der Fotografie verändern sollte.

Ernst Leitz war aber nicht nur ein vorbildlicher Unternehmer mit Herz und Vision. Er war auch ein Mann mit Zivilcourage, der in der finsteren Zeit des National­sozi­a­li­smus in­sbesondere vielen jüdischen Menschen aus großer Not half.

Ernst Leitz II - Die risikovolle Entscheidung zur Serienfertigung der Leica und Einführung eines fotografischen Systems

Für den führenden Mikroskophersteller Leitz gab es große Risiken, als er 1924 mit einer Kleinbildkamera einen neuen Markt für die Fotografie erschließen wollte. Kühn-Leitz berichtete über die Enteignung der drei wichtigsten Auslandsniederlassungen von Leitz im Ersten Weltkrieg und die besonders schwierige Situation nach der Hyperinflation, in der nach dem Verlust aller Geldvermögen den Kunden die Kaufkraft fehlte. Die Leica war für die Zielgruppe der anspruchsvollen Fotoamateure sehr teuer: sie kostete mit dem notwendigem Zubehör 420 neue Rentenmark. Das waren mehr als vier Monatslöhne eines gutbezahlten Facharbeiters.

Auch die für Leitz neue Herstellung von Kameras in einer Art Manufaktur mit hohen Arbeitskosten stellte ein weiteres Risiko dar. Ein Mikroskop hatte ohne Optik ungefähr ein Dutzend größere Teile, das neue Kameragehäuse dagegen 190 Kleinteile. Für ihre Produktion musste eine neue Fertigung eingerichtet werden, zu der anfangs viele Werkzeugmaschinen fehlten und erst noch entwickelt werden mussten. Auch der verwendete Kinofilm zur Projektion auf großen Leinwänden war aufgrund seiner unzureichenden Lichtempfindlichkeit und seines störenden Korns - das der Zuschauer im Kino wegen des schnellen Bildwechsels nicht wahrnehmen konnte - nur sehr begrenzt für die Stehbildkamera mit der Leica geeignet. Die großen Firmen der Fotochemie verdienten sehr gut an der Herstellung von Millionen Meter Aufnahmematerial pro Jahr für die Filmstudios in Hollywood und Babelsberg und waren Mitte der 1920er Jahre nicht daran interessiert, diese Filme für die neue Kleinbildfotografie zur Vergrößerung Briefmarken großer Negative auf Fotopapier entscheidend zu verbessern.

Dem Fotohandel war in seiner angespannten finanziellen Lage die Leica zu teuer. Er lehnte auch die neue umständliche Vergrößerungstechnik ab. Er wollte weiter mit der Herstellung von Kontaktkopien von größeren Negativformaten gutes Geld verdienen. Das Entwickeln und Vergrößern der belichteten Filme sollte den neuen Leica-Besitzern überlassen bleiben. Aber wie viele würden das sein?

Trotz dieser Risiken entschied Ernst Leitz nach einer dreieinhalbstündigen Sitzung mit seinen engsten Mitarbeitern, die leichte, kleine Leitz-Camera mit Tageslichtpatrone, Entwicklungstrommel, Vergrößerungsapparat und Projektor in Serie zu fertigen. Es war in der Tat ein Ritt über den Bodensee. Rückblickend sagte Ernst Leitz, das Schönste, was ihm mit seiner damaligen Entscheidung geschenkt worden war, sei die Möglichkeit gewesen, vielen Menschen Arbeit und Brot zu geben.

Einführung eines fotografischen Systems

Einführung eines neuen fotografischen Systems


Versetzen wir uns in das Jahr 1924. Ernst Leitz war damals seit vier Jahren alleiniger Gesellschafter und Geschäftsführer der Optischen Werke Ernst Leitz in Wetzlar. In Deutschland herrschte Depression mit einem Millionenheer von Arbeitslosen. Die Reparationsforderungen der Alliierten nach Ende des Ersten Weltkriegs hatten die wirtschaftlichen Möglichkeiten des Deutschen Reichs bei weitem überschritten. Die Folge war eine anhaltende wirtschaftliche Krise und politische Instabilität. Die Weimarer Republik war auf Grund der viel zu hohen Staatsverschuldung zahlungsunfähig geworden. Die Regierung versuchte ver­geblich, das Problem mit der Notenpresse zu lösen. Die Hyperinflation und die darauffolgende Währungsreform hatten die Geldvermögen und damit den Wohl­stand vernichtet. Ausgerechnet in diesem wirtschaftlich so schweren Jahr entschied Ernst Leitz die Serienfertigung der von dem genialen Konstrukteur Oskar Barnack entwickelten Kleinfilmkamera. Professor Max Berek, Leiter der Wissenschaftlichen Abteilung und Freund Barnacks, hatte dazu das Objektiv ELMAX mit einer Brennweite von 50 mm und einer Lichtstärke von 1:3,5 gerechnet. 

Leica

Die LEICA I wurde 1925 auf der Leipziger Frühjahrsmesse vorgestellt

Leitz war bis dahin ein weltbekannter Hersteller von Mikroskopen und hatte bei Medizinern, Biologen und Mineralogen einen ausgezeichneten Ruf. Die Mikrosko­pe, in kleinen Serien gefertigt, wurden über ein weltweites Vertreternetz durch fachlich qualifizierte Mitarbeiter verkauft.

Eine Kamera aus dem Hause Leitz sollte aber einen ganz anderen Abnehmerkreis ansprechen. Auf Markterfahrung konnte das Unternehmen nicht zurückgreifen, denn es gab keinen Markt für Kameras mit dem unüblich kleinen Aufnahmeformat auf 35 Millimeter breitem Kino-Normalfilm. Leitz hatte weder Erfahrungen in der Groß­serien­fer­tigung noch einen Vertriebsweg mit einer für die Marktabdeckung ausreichenden Zahl geschulter Fotohändler. Es gab auch keinen für die Stehbildfotografie aus­gereiften und in Filmpatronen konfektionierten Film. Der von Barnack für die Stehbild­fotografie eingesetzte Kinofilm war grobkörnig und hatte nur eine geringe Film­empfindlichkeit. Es gab auch keine Vergrößerungsgeräte und keine Kleinbildprojektoren. 1924 musste also nicht nur über die Serienfertigung einer Kamera, sondern auch­ über die Entwicklung eines ganzen Systems entschieden werden. Geldmittel in Millionenhöhe für Investitionen in Gebäude, Maschinen, Werkzeuge und für die Schaffung neuer Arbeitsplätze mussten zur Aufnahme der Serienfertigung bereit gestellt werden.

Es erschien 1924 besonders fraglich, wie die Berufsfotografen als Meinungs­bild­ner mit ihren großen und schweren Plattenkameras (diese konnten einschließlich Sta­tiv und Glasplatten ein Gewicht von bis zu 8 Kilogramm haben) auf eine Roll­film­­kamera mit einem derart kleinen Format reagieren würden. Mit Modellen aus der O-Serie wurden die Marktchancen für die neuartige Kleinfilm­kamera getestet. Das Ergebnis war entmutigend. Die kleine Kamera würden weder die Amateure noch die Berufsfotografen akzeptieren:

Viele Amateure konn­ten sich nicht vorstellen, wie man mit einem Negativ von nur 24 x 36 Millimeter Bilder im Format von 30 x 40 Zentimeter und mehr herstellen kann. Sie fragten, ob man mit dieser kleinen Kamera auch eine ganze Kuhherde fotografieren könne. Sie würden große Probleme haben, einen 1,60 m langen Film in die Kamera einzu­legen. Und wie sollte ein so langer Film überhaupt entwickelt werden können?

Auch die Berufsfotografen mit ihren Plattenkameras für das Großformat argumen­tierten gegen die Kleinfilmkamera. Die Brennweite sei viel zu kurz. Details würden bei einer Vergrößerung nicht zu erkennen sein. Sollte diese Kamera dennoch auf den Markt kommen, würde sie nur eine Mode­erschei­nung bleiben, die ebenso schnell verschwindet  wie sie gekommen ist.

Angesichts dieser Kritik war das Risiko des Scheiterns sehr groß. Bei einem Fehlschlag hätte Leitz nicht nur viel Geld verloren, sondern auch seinen guten Ruf

als weltweit anerkannter Mikroskophersteller aufs Spiel gesetzt und bestehende Arbeitsplätze gefährdet. Ernst Leitz handelte bei seiner Entscheidung gegen den Rat der meisten seiner engsten Mitarbeiter und verteidigte die Aufnahme der Produktion der Leica angesichts aller erkennbaren Risiken mit den Worten: „Hier handelt es sich nicht um unseren Verdienst. Hier handelt es sich um die Möglichkeit, unseren Arbeitern mit dieser kleinen Kamera – wenn sie hält, was ich mir von ihr verspreche - in den Jahren der Depression Arbeit zu beschaffen und sie damit durch die kommende schwere Zeit hindurchzubringen.“ Für ihn standen also bei seiner mutigen Entscheidung insbesondere soziale Aspekte im Vordergrund.

Gott sei Dank hielt die Kamera, was sich Ernst Leitz von ihr versprach. Sie ermöglichte nicht nur den Aufbau des später bedeutendsten Geschäftszweigs der Firma Leitz. Das Leica Format wurde zur anerkannten Norm und bestimmte die weltweite Entwicklung der fototechnischen und fotochemischen Industrie über ein dreiviertel Jahrhundert bis zum Beginn des Digitalzeitalters. Millionen von Kleinbild-Kameras und Abermillionen von Filmpackungen wurden jährlich für dieses Format hergestellt. Bis es aber soweit war, musste Leitz erhebliche innovatorische Anstrengungen unternehmen. Gerade in den Anfangsjahren zeigte sich sein unternehmerisches Talent, die richtigen Leute an der richtigen Stelle einzusetzen. Er verstand es immer wieder, seinen Mitarbeitern bei Rückschlägen mit dem ihm eigenen Optimismus Mut zu machen.

Die Leica begründete schon in ihren ersten Jahren eine neue Ära der Fotografie. Die kleine, leichte Kamera mit nur 500 g Gewicht (Sie erinnern sich: Manche Plattenkamera mit Stativ und Glasplatten wog bis zu 8 kg) erlaubte es, das Leben unbemerkt zu fotografieren. Sie brachte zudem eine neue Dynamik, denn mit ihr konnten 36 Aufnahmen in Folge gemacht werden. Die leichte Handhabung interessierte zunehmend Fotoamateure, die zuerst äußerst zurückhaltend waren. Mit der Leica und ihren Wechselobjektiven wurde es auf einmal möglich, Bilder mit einem Teleobjektiv auch aus der Distanz von nie gekannter Lebendigkeit festzuhalten.

An die Stelle statischer Aufnahmen mit einer Platten­kamera traten die dynamischen Bilder mit der Leica. Mit ihr gelang es erstmals, den unwiederbringlichen Augenblick einzufangen. Sie legte so den Grundstein zur dynamischen Live Fotografie und damit zum modernen Foto­jour­na­lis­mus. Neue Illustrierte Zeitschriften entstanden, in denen die Bildberichterstattung im Vordergrund stand. Die Entscheidung von Ernst Leitz, die Leica in Serie zu fertigen, veränderte die Welt der Fotografie und hat sich rückblickend als eine Kulturtat erwiesen.

Ernst Leitz II - Ein Unternehmer mit Zivilcourage

Ernst Leitz hat während der Alptraumjahre zwischen 1933 und 1945 vielen jüdischen Bürgern die Flucht, insbesondere in die Vereinigten Staaten und nach England ermöglicht. Seine Hilfe war bestimmt durch das persönliche Verant­wortungs­­gefühl eines Mannes nicht nur gegenüber seinen Angestellten und deren Familien, sondern auch vielen anderen Bürgern, ungeachtet ihrer Religion oder Weltanschauung. Er konnte es nicht ertragen, wenn Mitmenschen  unter dem erbarmungslosen Regime  zu leiden hatten.  Er hat  über seine Hilfsaktionen nicht gesprochen. Er handelte nach dem Grundsatz „Tue Gutes und sprich nicht darüber“. Erst der in England lebende Rabbiner Frank Dabba Smith hat durch jahrelange Recherchen in Archiven und in Interviews mit Zeitzeugen über 80 rassisch oder politisch Verfolgte nachgewiesen, denen Ernst Leitz geholfen hat.

Auf Grundlage aktuellen Forschungsergebnisse können 78 Personen, denen Ernst Leitz wertvolle Hilfe geleistet oder ihr Leben gerettet hat, davon 59, aus rassischen Gründen verfolgt worden sind, identifiziert werden

In welcher Weise und in welchem Ausmaß hat  er geholfen? Viele Juden konnten bei ihm auch noch nach 1933 eine Ausbildung absolvieren. Er vermittelte Anstellungen bei den Tochtergesellschaften in New York oder London. Er bezahlte Schiffspassagen nach New York. Er half bei der Beschaffung der Einreisevisa für die USA. Er gab Lieferaufträge an Wetzlarer Geschäfte mit jüdischen Inhabern. Er stellte auch nach 1938 „halbjüdische“ Mitarbeiter ein. Nicht zuletzt setzte er sich intensiv für die Befreiung inhaftierter politisch Verfolgter ein.

Nora Schindler, die Tochter des berühmten Dirigenten Arthur Nikisch, die mit ihrem jüdischen Ehemann Ewald Schindler Deutschland verlassen musste, schrieb in einem Brief an Ernst Leitz 1946 aus den USA:

Alle die vergangenen Jahre haben wir immer mit Liebe an Dich gedacht. Du weißt, dass wir niemals vergessen werden, dass Deine Liebe und Hilfsbereitschaft uns das Leben gerettet haben. Mein Gott, wenn ich daran denke, wie ich damals aus Italien an Dich um Hilfe schrieb und Du uns die ganzen schweren Jahre dort niemals verlassen hast!“

Auch Stefan Rosenbauer, der 1939 mit seiner jüdischen Ehefrau nach Brasilien auswandern konnte, drückte Ernst Leitz nach dem Krieg in einem Brief  seinen Dank für die geleistete Hilfe aus: „Ich weiß, dass Sie auch vielen anderen noch die Möglichkeit gaben, aus Deutschland zu entkommen. Die Gewissheit, so viele Menschen vor dem Tod und den Quälereien durch Ihr mutiges und tapferes Verhalten gerettet zu haben, darf Sie mit stolzer Befriedigung erfüllen.

Wer damals wie Ernst Leitz bereit war, mit umfangreicher Hilfe für Juden gegen die nationals­ozialistische Doktrin zu opponieren, hat große Zivilcourage bewiesen. Es ist bekannt, daß sich von den deutschen Industriellen, neben Ernst Leitz nur Robert Bosch so verhalten hat.

Das Buch " Ernst Leitz - Wegbereiter der Leica " hat den Untertitel "Ein vorbildlicher Unternehmer und mutiger Demokrat". Damit stellt sich die Frage, ob Ernst Leitz auch heute noch ein vorbildlicher Unternehmer wäre. Obwohl die heutige Sozialgesetzgebung die Bedürfnisse der Mitarbeiter weitgehend berücksichtigt, gilt es doch in wirtschaftlichen Krisen - wie sie Ernst Leitz mehrfach erlebt hat - mehr soziales Gewissen zu zeigen und Entlassungen so weit wie möglich durch besondere Marketing­aktivitäten und Innovationsanstrengungen zu vermeiden ohne jedoch die Existenz des Unternehmens zu gefährden.

Nicht die kurzfristige Gewinnerzielung, die im Zeitalter des shareholder value im Vordergrund steht, war für ihn wichtig, sondern die langfristige Absicherung des Unternehmens und seiner Arbeitsplätze. Die Vorstellung, durch Kauf von Unternehmen schneller zu wachsen, war Ernst Leitz fremd. Das Wachstum sollte im Unternehmen selbst durch ein breites Programm und neue Produkte generiert werden. Dabei spielte die Innovationskultur, wie sie von Leitz gepflegt wurde, eine große Rolle. Sie war ganz auf Kundenorientierung aufgebaut und gab den Wissenschaftlern und Konstrukteuren des Unternehmens genügend Freiräume zur Verwirklichung neuer Ideen. Die Motivation seiner Mitarbeiter war für ihn besonders wichtig. Er wusste, dass Menschen nur dann zu großen Leistungen fähig sind, wenn im Unternehmen ein gutes Betriebsklima herrscht. Dazu gehört nicht nur eine weitgehende Sicherheit des Arbeitsplatzes, sondern auch das persönliche Engagement des Unternehmers für die Belange seiner Mitarbeiter. Es genügt eben nicht, Hochglanzbroschüren über „Human Relations“ zu verteilen und diese in Workshops zu diskutieren. Das sogenannte „Wir-Gefühl“ entsteht nur, wenn die Belegschaft weiß, dass die Unternehmensleitung stets ein offenes Ohr für ihre Sorgen und Nöte hat.

Auch wenn die meisten Unternehmer meinen, keine Zeit für öffentliche Ehrenämter zu haben oder sich für eine politische Partei einzusetzen, so hat sich Ernst Leitz trotz großer Arbeitsbelastung als Stadtverordneter und als Kandidat der Deutschen Demokratischen Partei engagiert. Auch in dieser Hinsicht kann er für heutige Unternehmer Vorbild sein.

Ernst Leitz II - Zeittafel

1.3.1871

Geboren in Wetzlar als zweiter Sohn von Ernst und Anna Leitz geb. Löhr

 

1889

Beginn der Lehre als Feinmechaniker und Technischer Kaufmann in der optischen Werkstätte seines Vaters

 

1906

Teilhaber am väterlichen Unternehmen

 

1907

100.000. Leitz-Mikroskop

 

1916-1933

Stadtverordneter in Wetzlar

 

1918

Mitbegründer der Deutschen Demokratischen Partei in Wetzlar

 

1920

Alleingesellschafter nach dem Tod des Vaters

 

1921

200.000. Leitz-Mikroskop

 

1924

Ernst Leitz entscheidet die Serienfertigung der Leica und den Aufbau des dazu gehörenden Leica Systems

Das Leica Format wird zur anerkannten Norm und bestimmt die Entwicklung der fototechnischen und fotochemischen Industrie weltweit ca. 80 Jahre

Die Leica begründet eine neue Ära der Fotografie: Die "dynamische Live-Fotografie"

Kandidat der Deutschen Demokratischen Partei zur Reichstagswahl am 7.12.1924

 

1930

300.000. Leitz-Mikroskop

 

1932

Beginn der Freundschaft mit Theodor Heuss

Kandidat der Staatspartei zur Reichstagswahl am 31.7.1932

 

1933

100.000. Leica

 

1933-1945

Vielfältige Hilfe für Verfolgte des Nazi-Regimes

 

1.3.1949

Ehrenbürger der Stadt Wetzlar

 

6.8.1949

Hundertjahrfeier der Ernst Leitz GmbH

 

1950

500.000. Leica

 

1956

Die Ernst Leitz GmbH beschäftigt über 6.000 Mitarbeiter

 

15.6.1956

Gestorben in Gießen

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